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Diasporentypologie

Zusammenfassung

 

Bei der DIASPORENTYPOLOGIE handelt es sich um ein kategorisches Merkmal, das die morphologische Struktur beschreibt, welche als Diaspore, d.h. als Ausbreitungseinheit (z.B. ein Same oder eine Frucht), fungiert. Generell wird nur die Ausbreitung über längere Distanzen berücksichtigt.

 

 

Merkmalsbeschreibung

 

Die DIASPORENTYPOLOGIE (Spalten-Code: DIA_TYPE) ist als eine der in Tab. 1 aufgelisteten Kategorien kodiert.

 

Einige Pflanzenarten weisen mehr als nur einen Diasporentyp auf. Bei Festuca ovina agg. z. B. können sowohl die Frucht einer Blüte (inklusive der umgebenden Spelzen) als auch alle Früchte eines Ährchens (inklusive der umgebenden Spelzen) als Diaspore fungieren. Solche Arten werden als „heterodiaspor“ bezeichnet (vgl. Heterodiasporie) und ihre zusätzlichen Diasporentypen in einem Kommentarfeldes charakterisiert.

 

Auch sind einige Arten (z. B. sterile Hybriden) überhaupt nicht in der Lage, Diasporen zu produzieren oder vermehren sich rein vegetativ ohne nennenswertes Ausbreitungsvermögen über längere Distanzen (z. B. beim klonalen Wachstum durch Rhizome). Generell berücksichtigen wir solche Ausbreitungsorgane nicht, da sie keinen Einfluss auf die Langstreckenausbreitung haben, sondern listen sie nur auf, wenn kein anderer Diasporentyp bekannt ist (weitere Informationen in Nr. 7 in Tab. 1).

 

Im Gegensatz hierzu führen wir solche vegetativen Ausbreitungsorgane auf, die eine Langstreckenausbreitung erlauben, weil sie sich leicht von der Mutterpflanze loslösen wie z. B. Turionen oder Bulbillen (Brutzwiebeln). Sie werden als „spezialisierte vegetative Ausbreitungsorgane“ markiert (Detailinformationen hierüber unter Nr. 6 in Tab. 1).

 

 

Tab. 1. Kategorien von Diasporentypen

Nr.

Kategorie

Beschreibung und Beispiele

 

1

Same

(engl. seed; 'seed' in Morphologie-Codierung)

Der Same fungiert als Diaspore.

Die Diaspore kann auch zusätzliche Strukturen (z.B. ein Elaiosom) enthalten, umfasst aber niemals eine vollständige Frucht.

 

Z.B. zahlreiche Gymnospermen, Brassicaceae, Campanulaceae, Caryophyllaceae, Papaveraceae

Papaver rhoeas - Der Same fungiert als Diaspore und wird aus einer Kapsel freigesetzt.

2

Fruchtsegmente

(engl. segment; 'segm' in Morphologie-Codierung)

Segmente der Frucht fungieren als Diaspore. Entweder entwickeln sich die Segmente aus einer Frucht, die während der Reifung in mehrere Stücke zerfällt (z.B. Acer), oder aus einer Frucht, die sich ab initio aus mehreren Früchtchen zusammensetzt (z.B. Ranunculus).

Die Diaspore kann auch zusätzliche Strukturen enthalten, umfasst aber niemals eine vollständige Frucht. 

 

Z.B. viele Aceraceae, Apiaceae, Boraginaceae, Lamiaceae

Acer tataricum - Während der Reife zerfällt die Frucht in zwei Segmente (Diasporen), die sich unabhängig voneinander ausbreiten.

 


Ranunculus acris - Die Frucht besteht aus vielen, nicht miteinander verwachsenen Nüsschen (Diasporen), die sich unabhängig voneinander ausbreiten.

3

Frucht

(engl. fruit; 'fruit' in Morphologie- Codierung)

Die Frucht fungiert als Diaspore.

Die Diaspore kann auch zusätzliche Strukturen enthalten, umfasst aber NIEMALS Früchte VON MEHR ALS EINER Blüte.

 

Z.B. viele Asteraceae, Poaceae, Fragaria, Malus, Rubus

Taraxacum Sect. Ruderalia - Die Frucht (inklusive des Pappus) fungiert als Diaspore.

4

Fruchtstand

(engl. infructescence; 'infr' in Morphologie- Codierung)

Der Fruchtstand oder Teile eines Fruchtstandes mit Früchten von MEHR ALS EINER Blüte agieren als Diaspore. Mitberücksichtigt werden Sammelfrüchte, die sich aus eng miteinander verwachsenen Früchten zusammensetzen.

Z.B. Ananas comosa, Tilia, Morus

Tilia platyphyllos - Die Diaspore wird aus wenigen Früchten eines Fruchtstandes und dem damit verwachsenen Hochblatt gebildet.

5

Pflanze

(engl. plant; 'plant' in Morphologie- Codierung)

Hier wirkt mehr oder weniger die gesamte Pflanze, insbesondere die oberirdischen Pflanzenteile bestehend aus MEHREREN Fruchtständen, als Diaspore.

Z.B. Steppenläufer wie Salsola tragus

Salsola tragus - Der oberirdische Teil wird vom Wind verdriftet und agiert als Diaspore. (Foto: Edmond Meinfelder)

6

Spezialisierte vegetative Ausbreitungsorgane

(engl. specialized vegetative part;  'vege' in Morphologie-Codierung)

Spezialisierte vegetative Einheiten, z.B. Bulbillen, Ableger oder Turionen agieren als Diasporen UND erlauben prinzipiell eine Langstreckenausbreitung, da sie sich leicht von der Mutterpflanze lösen.

Diese Kategorie wird NICHT verwendet für Samen, die sich ohne sexuelle Rekombination (z.B. durch Apomixis) entwickeln, oder für klonale Wachstumsorgane (z.B. Rhizome, Stolons, Zwiebeln), die keine Langstreckenausbreitung erlauben.

Z.B. Dentaria bulbifera, Poa bulbosa, Trapa natans

Poa bulbosa - Die Ährchen werden zu vegetativen Bulbillen umgewandelt, die schnell mit ihrer Entwicklung beginnen (Pseudoviviparie).

7

Keine Diaspore

(engl. no diaspore; 'no' in Morphologie-Codierung)

Wird nur für sterile Hybriden verwendet, die sich mit Hilfe von vegetativen Pflanzenteilen (klonales Wachstum, Teilung vegetativer Teile etc.) NUR über kurze Distanz ausbreiten.

Z.B. Betula x aurata (steril)

8

Zapfen

(engl. cone;  'cone'  in Morphologie-Codierung)

Auf Gymnospermen beschränkt, bei denen der gesamte Zapfen als Diaspore fungiert.

 

Z.B. Juniperus, Ephedra

 

 

Juniperus communis - Zweig mit mehreren fleischigen Zapfen.

 

 

 

 

 

 

9

Spore

(engl. spore; 'spore' in Morphologie-Codierung)

Für Sporenpflanzen reserviert, die bislang nicht in D³ aufgenommen wurden.

 

Vgl. Moose und Farne

Dryopteris  sp. - Spore (links) und Blätter mit Sori, d.h. Gruppen von Sporangien mit den darunterliegenden Sporen.

10

andere

(engl. other; 'other' in Morphologie-Codierung)

Diasporentypen, die keiner der obigen Kategorien zugeordnet werden können.

 

Herkunft der Daten

 

Die verschiedenen Kategorien der Diasporentypologie wurden nach detaillierter Betrachtung der Diasporen und Früchte bzw. Bildmaterial sowie intensiver Literatur- und Internetrecherche zugeordnet.

 

 

Ausgewählte Literatur

 

Bojňanský, V. & Fargašová, A. (2007): Atlas of seeds and fruits of Central and East-European flora. The Carpathian Mountains region. Springer, Dordrecht.

 

Brouwer, W. & Stählin, A. (1975): Handbuch der Samenkunde für Landwirtschaft, Gartenbau und Forstwirtschaft. DLG-Verlag, Frankfurt.

 

Cappers, R.T.J., Bekker, R.M. & Jans, J.E.A. (2006): Digital Seed Atlas of the Netherlands. Barkhuis. Eelde (NL). Graf, J. et al. (1987): Tafelwerk zur Pflanzensystematik. Einführung in das natürliche System der Blütenpflanzen. Springer-Verlag.

 

Hegi, G. (1908ff): Illustrierte Flora von Mittel-Europa. Mit besonderer Berücksichtigung von Deutschland, Oesterreich und der Schweiz. Zahlreiche Bände in drei Auflagen. J. F. Lehmanns Verlag, 2. und 3. Auflage bei Paul Parey und Weissdorn-Verlag.

 

Hilger, H.H. & Hoppe, J.R. (1995): Die morphologische Vielfalt der generativen Diasporen – Präsentation eines Lehr- und Lernschemas. Feddes Repertorium 106, 503-513.

 

Müller-Schneider, P. (1977): Verbreitungsbiologie (Diasporologie) der Blütenpflanzen. Veröffentlichungen des Geobotanischen Institutes der ETH, Stiftung Rübel 61. Müller-Schneider, P. (1986): Verbreitungsbiologie der Blütenpflanzen Graubündens. Veröffentlichungen des Geobotanischen Institutes der ETH, Stiftung Rübel, 85.

 

Otto, B. (2002): Merkmale von Samen, Früchten, generativen Germinulen und generativen Diasporen. In: Klotz, S., Kühn, I. & Durka, W. [Hrsg.] (2002): BIOLFLOR - Eine Datenbank zu biologisch-ökologischen Merkmalen der Gefäßpflanzen in Deutschland. Schriftenreihe für Vegetationskunde 38, Bonn: Bundesamt für Naturschutz, 177-196.

 

Poschlod, P., Tackenberg, O. & Bonn, S. (2005): Plant dispersal potential and its relation to species frequency and coexistence. In: Van der Maarel, E. (Editor). Vegetation Ecology, chapter 6. Wiley-Blackwell.